Antoine und Julie

Georges Simenon

Ein alterndes Paar, er ein durch die Pariser Vorstädte tingelnder Zauberkünstler, sie Tochter aus gutem Hause. Sie führen ein stilles Leben. Aus der Zweckgemeinschaft der beiden ist über die Jahre Liebe geworden. Doch Antoine kann die Finger nicht vom Alkohol lassen.

Es gibt in Antoine und Julie einige Passagen, etwa die, in der Simenon das Gleiten von einem anfänglichen Gläschen Cognac bis in die Trunkenheit beschreibt, die ich meisterhaft geschrieben fand. Die Geschichte ist traurig, das Ende erschütternd. Eine Moral gibt es nicht, die Dinge sind, wie sie sind.

Striptease

Georges Simenon

Machtkämpfe und Intrigen im Strip-Lokal »Monico« in Cannes. Tolle Figuren und Milieuschilderungen. Aus heutiger Sicht ganz besonders schön: der Schauplatz Südfrankreich in den 50ern, als man in verruchten Nachtclubs noch zur Rumba tanzte und nur Seeleute tatauiert waren. Viele Seiten benötigt Simenon natürlich nicht.

Das blaue Zimmer

Georges Simenon

In der französischen Provinz: eine Frau und ein Mann treffen sich regelmäßig, ohne Wissen ihrer Partner, in einem Hotelzimmer. Ein Satz, leicht dahingesagt, löst schließlich eine Katastrophe aus. Schnörkellos erzählt, kurz, atmosphärisch dicht – darin war Simenon wohl der Meister schlechthin. Man kann Das blaue Zimmer einfach nicht mehr weglegen.

Gut, wenn man, wie in meinem Fall, noch so geschätzte zweihundert »Non-Maigrets« vor sich hat.

Der Baron Bagge

Alexander Lernet-Holenia

Eine Schar k.u.k. Dragoner ist im Winter 1915 zu Pferd im Norden Ungarns unterwegs, wohin russische Truppen vorgedrungen sein sollen. Auf einer Brücke kommt es zu einem eigentlich aussichtslosen Gefecht mit den Russen, das die Österreicher dennoch für sich entscheiden können. Ihr Weg führt die Dragoner in die seltsame Stadt Nagy-Mihaly, wo man sie zu ihrer Überraschung bereits erwartet. Und Russen sind nirgends mehr zu finden.

Schwierig, die Stimmung dieser phantastischen Erzählung zu beschreiben. Eine unwirklich-stille Winterlandschaft, die zum Zeitpunkt der Handlung schon anachronistischen Dragoner, die gespenstische Stadt und ihre Bewohner …  es ist alles von einer eigenartigen Traurigkeit durchzogen. Der Baron Bagge gilt als Klassiker der deutschsprachigen Phantastik und das, wie ich nun weiß – ich hatte weder von Lernet-Holenia noch von dieser Novelle, die als sein Meisterwerk gilt, zuvor gehört –, völlig zu Recht.

Geschichte eines Deutschen

Sebastian Haffner

L’etat et moi. Wie es sich anfühlt, wenn die Welt um einen herum wahnsinnig wird, sich alles Geliebte, Gewohnte auflöst, der Staat den Boden unter den Füßen wegzieht, schildert Haffner in dieser Autobiographie.

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Im Mittelalter

Ian Mortimer

Im Geschichtsunterricht hätte ich mir so ein Buch gewünscht: Ian Mortimer schreibt kenntnis- und detailreich über alle möglichen Aspekte des Lebens im 14. Jahrhundert: Mode, Medizin, Leben auf See, vom gnadenlosen Humor jener Epoche bis zur Zeitmessung. Der Detailreichtum geht so weit, dass es mir hier und da fast zu viel wurde. Ob nun unter den Hausmusikanten Edwards III. vier oder sechs Trompeter waren oder nur Esquires mit Land, das mindestens 200 Pfund im Jahr einbringt, Silberstoffe tragen durften … nun ja. Auch geht es, man kann es bereits ahnen, ausschließlich um das englische 14. Jahrhundert. Mich störte das allerdings überhaupt nicht. Unterm Strich ein tolles Sachbuch – in angelsächsischer Tradition gut lesbar geschrieben und nicht ohne Witz.

As I Walked Out One Midsummer Morning

Laurie Lee

Der neunzehnjährige Laurie Lee verlässt in den 1930ern Mutter und Heimatdorf in Gloucestershire, arbeitet ein Jahr in London und schifft sich anschließend in Southampton nach Vigo in Nordspanien ein. Für das Land entscheidet er sich, weil er einen einzigen spanischen Satz kennt: »Hätten Sie bitte ein Glas Wasser?« (Wie Lee es schafft, schon wenige Wochen später mit den Einheimischen zu parlieren, bleibt sein Geheimnis.)

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